Ich und die Wildnis

Im Mittelalter wohnten außerhalb der mit Mauern bewehrten Städte in undurchdringlichen Wäldern wilde Frauen und Männer, nackt oder mit Fellen bekleidet. Heute wohnen in den Peripherien der Städte die Nie-Angekommenen, Ausgeschiedenen, Armen, Flüchtlinge. Die ihnen zugestandene Architektur unterstreicht, was Behörden und Stadtplaner über sie denken. Manchmal schreien sie ohnmächtig auf vor verzweifelter Wut, wie in der Banlieue von Paris geschehen. Warst Du schon mal in einer dieser „Siedlungen“ am Rande einer Stadt? Mach doch einfach mal in Frankfurt einen Spaziergang durch den Ben-Gurion-Ring. Der im treffsicheren Volksmund als Golanhöhen bezeichnet wird.

Wildnis = Dschungel. Der Großstadtdschungel ist ein Synonym fürs Bedrohliche, Erregende, Unvermittelte, Berauschende. Im Dschungel kann ich mich verirren, untertauchen, gehe unter. Da wir keine sogenannte erste Natur mehr haben, erklären wir kurzerhand die Stadt zur Wildnis. Zu SODOM und GOMORAH, zum Turmbau von Babel.

Dionysos, der Gott des Rausches, der aus Frauen wilde Mänaden macht, die über Männer herfallen, ist der Gott des Waldes, des Urwaldes, der Wildnis, in der sich alles verwandeln kann und feste Ordnungen in Auflösung geraten. Er ist der Chaot des Lebendigen, den die Stadt zu fürchten hat, wenn sie keine Kompromisse mit ihm schließt. Der Mythos des Dionysos ist im griechischen Denken die stete Erinnerung an die Waldartigkeit in uns. An das Unterholz und Gestrüpp in uns, ans Unbewußte, welches die Aufklärung zu vernichten trachtet. In das wir nur teilweise eindringen können trotz Familienaufstellung und Psychoanalyse.

„Die Stimmung der insgesamt zwölf Teilnehmer schwankt. Ein Teilnehmer denkt darüber nach, nach Hause zu fahren. Ein anderer kann nicht aufhören, von leckerem Essen zu reden. Der Wald wirkt dunkel und fremd. Ich kann noch nicht ganz fassen, dass ich in Kürze meine Kurskameraden verlassen und alleine in die Nacht wandern werde. (…) Ich bekomme Panik und versuche sie mit der erlernten Technik in Schach zu halten, um einen kühlen Kopf zu bewahren. Ich sage laut "S.T.O.P.", eine Abkürzung für die schwedischen Worte stanna (halte an), tänk (denke nach), orientera (orientiere dich), planera (plane). Nach einer ordentlichen Pause habe ich einen Plan und gehe Richtung Westen.“ (Zitat aus einem Survival-Training; Julia Brzezinska, 16. Oktober 2017, zeit-online)

Zweites Bild:

Der Bauer bekämpft Wildnis, die er als Unkraut definiert, mit Chemie: Wie gehen wir mit den Peripherien unserer Gesellschaften um? Ist Wildnis schön? Die Wälder sind gerodet, werden beackert und bebaut. Die Wildnis ist eine große Lichtung geworden. Das Zurückweichen des Waldes setzte das Drama des Sehens und Sichtbarmachens in Gang. Wo Wald war, soll Lichtung sein! Soll Ordnung und Klarheit herrschen, Eindeutigkeit, Abgrenzung.

Die Lichtung ist der Ort der Wahrheit, sagt Heidegger. Die Wildnis ist also eine stete dunkle Bedrängnis für die Kulturen, die als Lichtung in sie hineingehauen wurden. Wir sind Teil der Natur, aber wir können offensichtlich nicht anders als sie zu überschreiten, sie zu entmystifizieren, sie zu ordnen und zuzuordnen. Dadurch ist sie uns fremd geworden, so wie wir uns selbst fremd sind. Wildnis spiegelt uns die Fremdheit zurück, die auch in unserem Selbstverhältnis steckt. In unserem Abgetrenntsein vom Emotionalen, Spontanen, vom Fühlen und Mitfühlen. 

Drittes Bild:

Bedeutet Wildnis wagen auch, übertragen auf unsere Gesellschaft: Vielfalt wagen? Anarchie wagen? Im asiatischen Kulturraum bezeichnet Wildnis den Rückzug einer Person aus institutionellen und gesellschaftlichen Machtstrukturen.

Wüstungen bergen das Versprechen neuer Gestaltungsmöglichkeiten. Die Wildnis in uns selbst ist das Unbewußte und Triebhafte. Für mich als Künstler bedeutet das auch eine auf Kontrollverlust begründete Kunst (z.B. Cobra, Surrealismus). Für den Maler Max Ernst sind Begierde und Trieb die dunkle Seite der Natur – gleichzeitig aber auch das Versprechen schöpferischer Prozesse! Die Wildnis verspricht einen unbekannten künstlerischen Erfahrungsraum.

Wenn ich das übertrage auf die städtebauliche Erschließung neuer Quartiere in Frankfurt wie den Riedberg oder die Umwandlung des Güterbahnhofgeländes (zwischendurch eine Wüstung!) zum Europaviertel, dann finde ich: dort hat kein schöpferischer Gestaltungprozess stattgefunden, die Chance neuer und zukunftsweisender Gestaltungsmöglichkeiten wurden professionell verspielt. Die Frage, wie wir zukünftig leben wollen, wurde offensichtlich nie gestellt. In meiner Werkgruppe PLAN phantasiere ich zeichnend städtische Räume, erfinde Geschichten ihrer Bewohner. Auch der abgebrochene kleine Spitzbunker zwischen den Gleisen des Güterbahnhofes hat in einer Zeichnungen Zuflucht gefunden. - Es gäbe viel mißraten gebaute Architektur, die unverzüglich wieder abgerissen werden sollte, weil sie aus der Stadt einen Friedhof macht. In meinem Neuen Frankfurter Kochbuch zeige ich gute und schlechte Beispiele, ebenso mit Kochrezepten verknüpft wie in meinem 1. Buch BauenKochenMachen

Viertes Bild:

Da! Ich habe mich verlaufen! Wo geht es lang? Drei Möglichkeiten gibt es. 1. Zurück zum Punkt, wo der falsche Weg begann (man verirrt sich rückwärts). 2. Geradeaus weitermarschieren (man verirrt sich vorwärts). 3. Am Ort der Verirrung niederlassen, unbekümmert um Ursprung und Ziel, und sich eine individuelle Lichtung schlagen.

Diese Möglichkeit ist jenseits der Teilnahme an einem Survival-Training angesiedelt: man bräuchte nicht mehr zurückzukommen.

Sich da niederlassen, wo der Wind mich hinweht: das machen Pflanzen, die an unmöglichen Orten im städtischen Raum wachsen. Seit vielen Jahren fotografiere ich in der Werkgruppe ILLEGAL diese erfolgreichen „Gartenflüchtlinge“, die aus dem Asphalt, aus Mauerritzen, eigentlich aus dem Nichts gedeihen und blühen. Es sind Kosmopoliten, es sind Flüchtlinge. Für mich ist es eine heimliche große Bundesgartenschau! 

Warum habe ich mehrere unterschiedlichste Aspekte von Wildnis vor Dir ausgebreitet? Weil ich die Gefahr sehe, daß Wildnis reduziert wird auf Schutzräume für bedrohte Tiere und Pflanzen. Doch es geht um viel mehr als seltene Gräser und Regenbogenpfeifer. Wir sollten nicht nur den lieben Tierchen oder wilden Wölfen unsere Aufmerksam schenken, sondern den Fokus auf unsere eigene Wildheit richten. Die nämlich scheint uns mit zunehmender Beschleunigung verloren zu gehen. Unsere eigene Wildheit scheint uns mehr Angst zu machen als Naturwildnis, weshalb wir wohl jene anstelle unserer Inneren schützen und pflegen wollen. Doch das Wilde, Lebendige und Chaotische in uns sollten wir mindestens als genauso wichtig erachten.

Das Rendevous mit Dionysos ist immer noch möglich!