Ich und die Wildnis

Im Mittelalter wohnten außerhalb der mit Mauern bewehrten Städte in undurchdringlichen Wäldern wilde Frauen und Männer, nackt oder mit Fellen bekleidet. Sie waren die Chaoten des Lebendigen.  Heute wohnen in den Peripherien der Städte die Nie-Angekommenen, Ausgeschiedenen, Armen, Flüchtlinge. Die ihnen zugestandene Architektur unterstreicht, was Behörden und Stadtplaner über sie denken. Manchmal schreien sie ohnmächtig auf vor verzweifelter Wut, wie in der Banlieue von Paris geschehen. Warst Du schon mal in einer dieser „Siedlungen“ am Rande großer Städte?

Im griechischen Denken ist der Mythos des Dionysos die stete Erinnerung an die Waldartigkeit in uns, ans Unbewußte, welches die Aufklärung immer noch zu vernichten trachtet und in das wir nur teilweise eindringen können trotz Familienaufstellung und Psychoanalyse.

Der Bauer bekämpft Wildnis, die er als Unkraut definiert, mit Chemie: Wie gehen wir mit den Peripherien unserer Gesellschaften um? Ist Wildnis schön? Die Wälder sind gerodet, werden beackert und bebaut. Die Wildnis ist eine große Lichtung geworden. Die Lichtung ist der Ort der Wahrheit, sagt Heidegger. Die Wildnis ist also eine stete dunkle Bedrängnis für die Kulturen, die als Lichtung in sie hineingehauen wurden. Wir sind Teil der Natur, aber wir können offensichtlich nicht anders als sie zu überschreiten, sie zu entmystifizieren, sie zu ordnen und auszubeuten.

Wüstungen bergen das Versprechen neuer Gestaltungsmöglichkeiten. Die Wildnis in uns selbst ist das Unbewußte und Triebhafte. Für mich als Künstler bedeutet das auch eine auf Kontrollverlust begründeten schöpferischen Prozess!

Wenn ich dieses Versprechen neuer Gestaltungsmöglichkeiten, die in einer Wüstung liegen, übertrage auf die Erschließung neuer Quartiere in Frankfurt, beispielsweise den Riedberg oder das Europaviertel, dann finde ich: dort hat kein schöpferischer Gestaltungprozess stattgefunden, die Chance neuer und zukunftsweisender Gestaltungsmöglichkeiten wurden professionell verspielt. Die Frage, wie wir zukünftig leben wollen, wurde offensichtlich nie gestellt. Auch unsere Hauptstadt Berlin ist ein trauriges Beispiel dafür, wenn Stadtplanung sich reduziert auf reine Zahlen von gebauten Wohnungen, aber die substantielle Notwendigkeit des Lebendigen, Chaotischen und Unvorhergesehenen ausgeschaltet wird zugunsten besserer Verkaufbarkeit der neuen Immobilien.

All meine Werkgruppen, all meine Kunst ist getragen von dieser Suche nach dem, was Stadt bedeutet, was sie sein kann – und was sie ist.

Ich und meine Kunst

In meinen Künstlerbüchern BauenKochenMachen und dem Neuen Frankfurter Kochbuch zeige ich gute und schlechte Beispiele von Architektur, unterlegt mit den Fragen nach Schönheit und Wahrheit und verknüpfe diese Überlegungen mit Koch-Rezepten. Denn auch Architektur sollte unsere  Sinne anregen und nicht nur den schlimmsten Hunger (nach Raum) stillen! Die Stadt muss schmecken!

Das Langzeit-Projekt UMO ist eine ungeheure Sammlung städtischer Räume, in Detailansichten fotografiert, getragen von der Suche nach dem Unverwechselbarem eines Ortes und nach dem, was Heimat ausmachen könnte.

In meiner Heimatstadt Frankfurt veranstalte ich Spaziergänge, in den die Historie auf die Realität, beide auf meine Phantasie, und alle drei auf Wein und Picknickspeisen treffen. Weiteres unter SecretLocationPicnic!

In meiner Werkgruppe PLAN phantasiere ich zeichnend städtische Räume, erfinde Bewohner und schreibe deren Geschichten in die Pläne hinein. Es sind Wunsch- und Traumgebilde, die nicht einer realen Stadt entnommen sind, aber dennoch so etwas wie Walter Benjamins Hauptstadt des 19ten Jahrhunderts sein könnten mit allem, was den Städten des 21. Jahrhunderts oft fehlt.

Pflanzen, die an unmöglichen Orten im städtischen Raum wachsen und sich minimale Biotope schaffen, faszinieren mich. Seit vielen Jahren fotografiere ich sie und es entstand so die Werkgruppe ILLEGAL. Diese erfolgreichen Ruderalgewächse, die aus dem Asphalt, aus Mauerritzen, eigentlich aus dem Nichts gedeihen und blühen, sind Kosmopoliten und Flüchtlinge, die einen Nicht-Ort zu einem besonderen Ort machen.

In meinen Objektcollagen sind fotografierte Architekturdetails zu seltsamen Hauswesen geformt, die so nicht existieren, aber doch irgendwie irgendwo stehen könnten. Es sind Architekturmodelle, die sozusagen den gezeichneten Plänen dreidimensionale Gebilde beiseitestellen.

Ebenso seltsame Wesen sind die Häuser, die ich in die Wohnungen anderer Menschen hineinbaue als Haus im Haus. Es sind kleine Gebilde mit Tür, Fenster, Dach und gefüllt mit Fundstücken und kleinen Objekten. Das jüngste – noch im Bau befindliche – ist ZweifelsHütte, die ein bischen an ein Jöstbüdchen (Kiosk) erinnert und sogar als solches im Rahmen einer Performance benutzt werden soll.

In AppelsBlick stelle ich von den Spaziergängen durch meine Heimatstadt Frankfurt immer wieder neue Impressionen in Wort, Ton und Bild ein.

Flanieren zu besonderen Orten in Frankfurt mit Picknick.

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